Warum jetzt Pferde?
Diese Frage höre ich gerade öfter.
Wer mich noch nicht so lange kennt, kennt mich vor allem mit Hunden.
Aber vor den Hunden waren die Pferde.
Mit den Pferden fing alles an. Die Pferde waren schon immer da.
Eigentlich müsste es heißen: Warum die Hunde?
Als Baby wurde ich von der Katze meiner Oma und dem Hund eines Freundes betreut.
Aber sobald ich halbwegs laufen konnte und Pferde kannte, wollte ich ein eigenes Pferd.
Ja, das mit den gelben Gummistiefeln bin ich.
Ich lernte reiten.
Da meine Mutter schwer lungenkrank war, durften wir keine Haustiere mehr haben, und Reiten ging nur in den Ferien.
Dann bekam ich mein erstes Pferd: Fortunat.
Er stand in einem Stall im Bergischen Land, und ich sah ihn nur am Wochenende.
Nachdem er dort einen Unfall hatte, holten wir ihn nach Düsseldorf.
Das ging einige Jahre halbwegs gut: Stall am Stadtrand, Boxenhaltung, Hufeisen, klassisches Training.
Ich wollte unbedingt einen Beruf mit Pferden erlernen.
Doch dann kam das Leben dazwischen und hatte erst einmal andere Pläne.
Ich verlor Fortunat aufgrund finanzieller Probleme.
Dann stand das Überleben im Vordergrund: Geld verdienen, irgendwie weitermachen.
Als sich mein Leben einigermaßen stabilisiert hatte, trat mein erster Hund in mein Leben – in Rumänien, am Straßenrand. Das war 2008, da war ich 34.
Ich ging mit ihm zur Hundeschule und liebte diese Arbeit.
2014 traf ich meinen zweiten Hund, Tim, einen Border Collie aus dem Tierheim.
Er war der Grund, weshalb ich Hundetrainerin wurde und mich für traumatisierte Tiere einsetzte.
Tim war schwer traumatisiert, und alles, was ich an Trainern fand, war für dieses Thema völlig ungeeignet.
2015 begegnete ich dann Yakari, einem Paint Horse.
Ich hatte die Idee, Westernreiten auszuprobieren.
Was ich im Westernbereich erlebte, ließ mich jedoch stark am Label „pferdefreundlich“ zweifeln.
Es liegt immer am Menschen, wie ein Pferd trainiert wird. Daher ist es unsinnig zu sagen, eine Disziplin sei grundsätzlich pferdefreundlich oder nicht.
Yakari war gerade mal vier Jahre alt und hatte bereits massive Probleme.
Er war mit drei Jahren schon für Reining ausgebildet worden: Spin, Stop, Rollback.
Der Trainer unterstellte ihm mangelnden Kooperationswillen.
Ich nahm mit Yakari an einem Seminar teil. Wir sollten auf dem Zirkel galoppieren. Rechte Hand war kein Problem, linke Hand ging gar nicht.
Zuerst lag es an mir, dann setzte sich die Co-Trainerin drauf, dann der Chef persönlich.
Ich stand am Rand und sah dem Pferd in die Augen. Diesen Blick werde ich nie vergessen.
Ich verstand nicht, warum das Pferd auf der einen Seite galoppieren konnte und auf der anderen nicht – trotz massiver Einwirkung (Schläge, Sporen).
Ich kaufte ihn und konsultierte einen Osteopathen.
Das Pferd hatte massive Wirbelblockaden.
Und obwohl der Osteopath regelmäßig kam, wurde es nicht besser.
Da ich mich dank Tim inzwischen intensiv mit Traumata beschäftigt hatte, war mir klar: Es muss im Körper sein. Aber wie bekommt man das Trauma dort wieder heraus?
Und so begann meine Odyssee an Fort- und Ausbildungen:
- Tierkommunikation
- Tellington TTouch
- Parelli
- Equikinetic
- Klickertraining
- Osteopathie ✔
- Physiotherapie ✔
- Naturheilkunde
- Akupunktur ✔
- Trust Technique ✔
Ich lernte ununterbrochen.
Ich habe nicht alles abgeschlossen, aber mich intensiv damit auseinandergesetzt.
Ich habe ausprobiert, was für mich und meine Tiere passt.
Und ich habe alles für Hund und Pferd gelernt.
(Die ✔ stehen für Zertifikate 🤓)
Ich wechselte den Stall. Dort stand er in einer Box und hatte eine kleine Koppel für sich allein. Ich konnte zusehen, wie er immer unglücklicher wurde. Auch sein Rücken wurde nicht besser.
Ich wechselte erneut den Stall.
Jetzt lebte er in einer großen Herde von 15 Pferden auf 14 Hektar Land.
Und langsam begann sein Heilungsprozess.
Zu Hause hatte ich inzwischen neun Hunde. Die meisten kamen aus Rumänien.
Hunde, die übers Internet adoptiert wurden und mit denen die Menschen dann nicht zurechtkamen. Wenn es die schweren Fälle waren, kamen sie zu mir auf eine Pflegestelle.
Einige konnten wieder vermittelt werden, andere sind bis heute bei mir und werden vermutlich bleiben.
Nicht alles, was wir retten wollen, kann auch vermittelt werden.
Nicht alle wollen und können sich unseren Lebensumständen und Vorstellungen anpassen.
Als 2022 eine schwer traumatisierte Hündin aus Rumänien zu mir kam, stolperte ich „rein zufällig“ über die Trust Technique.
Das war der Schlüssel, das fehlende Puzzleteil.
Auch hier machte ich die Ausbildung für Hunde und Pferde.
Zurück zu Yakari.
Er wurde im klassischen Horsemanship ausgebildet. Im alten Stall gab es noch den üblichen Round Pen – blickdicht, vier Meter hoch, massives Holz, schweres Rolltor.
Das Pferd verliert darin völlig die Orientierung.
Es wird gejagt, gestoppt und wieder gejagt, bis es aufgibt.
Sechs Jahre später gingen wir auf unseren Arbeitsplatz – ein Rondell, das nur durch drei Bänder markiert ist.
Ich wollte mit der Trust Technique arbeiten. Das bedeutet: Ich habe ihn eingeladen, sich zu entspannen.
Und was passierte? Er rastete völlig aus.
Er war es gewohnt, getrieben zu werden. Sein Stresspegel war im dunkelroten Bereich.
Ich hatte also wieder eine Lektion gelernt:
Das Pferd hatte nach sechs Jahren intensiver Betreuung, zwei Stallwechseln und einer völlig neuen Umgebung immer noch das alte Muster im Nervensystem aktiviert. Ich ritt ihn schon lange nicht mehr. Er hatte gelernt, dass ich ihm zuhöre und er eine Stimme hat. All das war in dem Moment hinfällig, als wir den Platz betraten und ich nichts von ihm forderte.
Irgendwann kamen zwei Stuten in die Herde.
Eine wurde Yakaris Freundin. Sie hatte ähnliche schlechte Erfahrungen gemacht und diverse gesundheitliche sowie Verhaltensprobleme.
Ich begann, auch mit ihr erfolgreich zu arbeiten.
Und dieses Jahr stand dann plötzlich alles zum Verkauf – die Pferde und der Hof.
Die Frage war: Verkaufe ich mein Pferd oder mache ich weiter?
Ich habe mit viel Unterstützung Yakaris Freundin gekauft.
Dann habe ich ein Stück Land gefunden und Menschen getroffen, die mir geholfen haben – mit der Koppel, mit Kontakten, mit Zaunmaterial.
Und dann kam Happy.
Die Familie meiner Mutter stammt aus Ostpreußen. Im Winter 1943/44 floh meine Großmutter mit ihrer Tochter – schwanger mit meiner Mutter – nach Süddeutschland. Die Familie ihres Mannes lebte am Bodensee.
Sie hat nicht viel über diese Zeit erzählt.
Nur von den Pferden, die auf dem Treck umgekommen sind.
Sie erzählte von den Pferdegespannen, die über zugefrorene Flüsse flohen und im Eis einbrachen – und von den Schreien der Pferde.
Ich habe das Gefühl, diese Schreie in meinen Zellen zu spüren.
Ich hatte schon immer eine Schwäche für Trakehner.
Ich wusste damals noch nichts von dieser ganzen Geschichte, und trotzdem gab es diese Verbindung. Ich kann es nicht erklären – es gibt keinen rationalen Grund dafür.
Meine Ahnen sind Landwirte, Akademiker und Angehörige des fahrenden Volkes.
Ein ziemlich bunter Haufen. Und Pferde gehörten damals einfach dazu.
Zurück zu Happy.
Letztes Jahr kontaktierte mich plötzlich eine alte Schulfreundin. Ich habe sie immer dafür bewundert, dass sie sich nie von den Pferden hat abbringen lassen.
Und nun brauchte sie Unterstützung mit einem ihrer Pferde – einer jungen Trakehnerstute namens Happylotta.
Ich habe ihr so gut es ging geholfen, bis sie entschied, Happy zu mir zu schicken.
Innerhalb weniger Wochen habe ich nun drei Pferde und bin zur Selbstversorgerin geworden.
Die Pferde waren immer da. Sie sind ein Teil von mir.
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